Bildungslandschaft
Warum das Medizinstudiun weiterentwickelt werden muss
Die Schweiz steht bei der ärztlichen Versorgung vor grossen Herausforderungen. Besonders in der medizinischen Grundversorgung zeichnet sich ein Mangel an Ärztinnen und Ärzten ab. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen stark auf ärztliches Fachpersonal aus dem Ausland angewiesen. Auch das Berufsbild verändert sich: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Präzisionsmedizin und interprofessionelle Zusammenarbeit stellen neue Anforderungen an angehende Ärztinnen und Ärzte. Zudem müssen Zulassungsverfahren transparent, fair und für die Auswahl geeigneter Studierender nachvollziehbar ausgestaltet sein.
Vor diesem Hintergrund hat die Universitäre Medizin Zürich (UMZH) gemeinsam mit den Schweizer Universitäten mit humanmedizinischen Studiengängen im Auftrag der Kammer universitäre Hochschulen von swissuniversities untersucht, wie das Medizinstudium in der Schweiz weiterentwickelt werden kann. Der Bericht wurde im Rahmen der Umsetzung der parlamentarischen Motionen Roduit und Hurni erarbeitet. Er beschreibt die aktuelle Situation und den Handlungsbedarf und formuliert Empfehlungen für die Zulassung, die Zahl der Studienplätze sowie die universitäre und klinische Ausbildung in der Humanmedizin. Der Bericht ist ein Baustein in einem umfassenden Reformprozess. Veränderungen im Medizinstudium allein reichen jedoch nicht aus: Entscheidend sind auch Massnahmen in Weiterbildung, Arbeitsbedingungen und Gesundheitspolitik - insbesondere zur langfristigen Stärkung der Grundversorgung.
Mehr Studienplätze und zeitgemässe Ausbildung
Die Zahl der Studienplätz soll deutlich steigen, um mehr Ärztinnen und Ärzte auszubilden und dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Dafür braucht es zusätzliche Infrastruktur, Lehrpersonal und klinische Ausbildungsplätze sowie eine stärkere Unterstützung der ausbildenden Ärztinnen und Ärzte. Digitale Lehrformen, simulationsbasiertes Lernen und frühe klinische Erfahrungen sollen stärker in die Ausbildung einfliessen. Eine schweizweit harmonisierte Zulassung berücksichtigt neben kognitiven Leistungen auch kommunikative und soziale Kompetenzen.
Medizinische Grundversorgung stärken
Ein besonderes Augenmerk gilt der medizinischen Grundversorgung. Hausarztmedizin, Pädiatrie, Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sollen in Studium und Ausbildung stärker verankert und für den ärztlichen Nachwuchs sichtbarer und attraktiver werden. So können mehr Ärztinnen und Ärzte für Tätigkeitsfelder gewonnen werden, in denen der Versorgungsbedarf besonders gross ist.
Die wichtigsten Empfehlungen
Zulassung modernisieren
Die Zulassung zum Medizinstudium soll schweizweit harmonisiert werden. Neben kognitiven Fähigkeiten sollen künftig auch soziale und kommunikative Kompetenzen, Motivation und weitere nicht-kognitive Fähigkeiten berücksichtigt werden. Ziel ist ein transparentes, faires und mehrdimensionales Verfahren, das die Auswahl besser legitimiert und den Anforderungen des ärztlichen Berufes Rechnung trägt.
Mehr Studienplätze schaffen
Um den Bedarf an Ärztinnen und Ärzten langfristig besser zu decken, wird eine deutliche Erhöhung der Studienplätze empfohlen. Dafür soll ein zweites Sonderprogramm Humanmedizin lanciert werden. Gleichzeitig brauch es Investitionen in Infrastruktur, Personal und Ausbildungsangebote an den Hochschulen.
Klinische Ausbildung stärken
Der Ausbau der Studienplätze bedingt auch, dass zusätzliche klinische Ausbildungsplätze geschaffen werden. Spitäler und ambulante Praxen sollen stärker eingebunden und die Zusammenarbeit auf regionaler und nationaler Ebene ausgebaut werden. Lehrende sowie klinische Ausbildnerinnen und Ausbildner sollen gezielter unterstützt und ihre Ausbildungsleistung stärker anerkannt werden.
Ausbildung zukunftsfähig machen
Die medizinische Ausbildung soll konsequent kompetenzorientiert weiterentwickelt werden. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, simulationsbasiertes Lernen, Präzisionsmedizin, interprofessionelle Zusammenarbeit und frühe klinische Praxiserfahrung sollen angemessen in die Curricula integriert werden. Gleichzeitig soll die Grundversorgung, einschliesslich Pädiatrie, Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, sichtbarer und attraktiver werden.
Zielbild: Was kann die Neuausrichtung bewirken?
Die Massnahmen sollen eine verlässliche ärztliche Versorgung sichern, den medizinischen Nachwuchs in der Schweiz stärken und die Abhängigkeite vom Ausland verringern. Eine praxisnahe Ausbildung und eine stärkere Ausrichtung auf die Grundversorgung sollen besser auf künftige Anforderungen und die Bedürfnisse der Bevölkerung vorbreiten.
Die Neuausrichtung ist langfristig angelegt: Nach dem Aufbau der nötigen politischen, finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen folgen Studium und Weiterbildung, sodass spürbare Auswirkungen auf die Versorgung erst längerfristig zu erwarten sind. Entscheidend ist eine durchgängige Abstimmung von Zulassung, Studium, Weiterbildung und Berufsalltag.